"So schafft Vertrauen und Präsenz immer mehr Vertrauen und Präsenz"

Illustration von Sibylle Reichel aus "Wenn wir wieder wahrnehmen" (S.326)

 

In ihrem inspirierenden und schön gestalteten Buch:

Wenn wir wieder wahrnehmen - wach und spürend

den Krisen unserer Zeit begegnen macht Heike Pourian 

einen "Einschub zum Thema Propriozeption, Top Down,

Bottom Up, Faszien und Tensegrity" (S.330), den ich hier

gerne zitieren möchte:

 

"Unser Körper hat die Fähigkeit, sich selbst wahrzunehmen. Das ist notwendig, damit wir Balance halten können, die Hand zum Mund führen oder spüren, ob wir satt oder hungrig sind. Weil die Rezeptoren (Sinneszellen) dieses umfassenden Körpersinns notwendigerweise überall verteilt sind und nicht als ein spezifisches Organ dingfest gemacht werden können, wurde er lange nicht als Sinn erkannt und beschrieben. Er besteht aus mehreren Teilsinnen: dem Taktgefühl, dem Gleichgewichtssinn; eine wesentliche Rolle spielen die sogenannten Tiefensensoren in unseren Gelenken, Muskeln, Sehnen und Organen.

 

Propriozeption ist der Fachbegriff dafür, Eigenwahrnehmung, auch Interozeption oder Tiefensensibilität.

Es sind nur wenige Menschen auf der Welt bekannt, denen die propriozeptiven Sinne völlig oder zum Grossteil fehlen, sie müssen ihre Funktion durch andere Sinne ersetzen, vor allem durch den visuellen, können ihren Bewegungsapparat also nur steuern, wenn sie hingucken. Einer der Betroffenen, Ian Waterman sagt: "Du weisst einfach nicht zu schätzen, was es ist - bis es weg ist."

 

Einen vagen Eindruck davon können wir bekommen, wenn uns ein Bein eingeschlafen ist. Wir spüren das Bein schlecht und können es daher nicht wie gewohnt bewegen und belasten. Hier zeigt sich, dass unser lange gehegtes Bild vom Körper nicht stimmen kann: die Idee vom Gehirn als Schaltzentrale und die Vorstellung, es gäbe Befehle an die Teilbereiche des Körpers, die dann laut Auftrag ihre Arbeit verrichteten.

 

Ganz eindeutig ist solch ein Modell des Körpers von einer hierarchischen Denkweise geprägt, die davon ausgeht, alles organisiere sich Top Down, also von oben nach unten. Ohne Befehl einer übergeordneten Stelle, denken wir, könne nichts geschehen. Das ist jedoch schlichtweg falsch, auf jeden Fall einseitig und unvollständig. Es lässt zweierlei ausser acht.

 

Zum einen fehlt ein Bewusstsein für die andere Richtung, Bottom Up, also von unten nach oben. Inzwischen ist bekannt, dass auf eine Information, die vom Gehirn in die Bauchregion gesendet wird, etwa neun kommen, die in die andere Richtung fliessen. Die Basis jeglicher Gehirnaktivität ist Wahrnehmung - eigentlich sehr logisch, aber lange unterschätzt. Um etwas verarbeiten zu können, braucht es ja zunächst einmal Daten.

 

Die zweite Erkenntnis ist noch niederschmetternder für uns, die wir uns so viel auf unser Gehirn einbilden: Nicht alle körperlichen Vorgänge sind an Gehirnaktivität gekoppelt. Millionen von Rezeptorzellen verschiedenster Art sind über unseren ganzen Körper verteilt. Wir sind von einem Kommunikations- und Verbindungsnetz durchzogen, über das die verschiedenen Bestandteile unseres Organismus sich ununterbrochen mit Informationen über ihren Spannungszustand, ihre Lage im Raum und zueinander versorgen: die Faszien, besser bekannt als das Bindegewebe.

 

Die noch recht junge Faszienforschung fand heraus, dass es sich hierbei um ein selbstorganisierendes System handelt. Das Gewebe kommuniziert in sich, ohne Umweg über das Gehirn. Erst in den letzten Jahrzehnten werden die Faszien ausgiebig erforscht, und das ist ein Zeichen dafür, dass sich unser Weltbild ändert. Die Schulmedizin, die den Menschen in Einzelteile zerlegt und isoliert betrachtet, ignorierte lange diese filigrane aber stabile Schicht. Nun beginnt sie sich für den Zwischenraum zu interessieren, für Verbindung, Bezogenheit und Kommunikation. Das ist bahnbrechend und wegweisend und könnte Zeichen für einen Paradigmenwechsel sein.

 

Was genau sind nun die Faszien? Es ist das weissliche, faserige, feinmaschige Gewebe, das unsere Körperbestandteile umhüllt, durchdringt und hält, also voneinander trennt und zugleich miteinander verbindet. Die Faszien bilden eine Art dreidimensionales, verzweigtes Spinnennetz. Sie sind voller Nervenenden, transportieren Informationen, halten unsere Organe an ihrem Platz und sind wesentlich an der Elastizität und Aufrichtung unseres Körpers beteiligt. In einem ausbalancierten Wechselspiel von Druck- und Zugkräften sorgt dieses Strukturnetz für eine Grundspannung unseres Körpers, die in Anlehnung an architektonische Konstruktionen - etwa von Brücken und Gewölben - Tensegrity genannt wird.

 

Der Architekt Buckminster Fuller prägte dieses Kunstwort, das sich zusammensetzt aus den englischen Wörtern tension ( Spannung) und integrity (Ganzheit). Fuller beschrieb, das Zug und Druck keine Gegensätze sind, sondern komplementäre Polaritäten, die immer zusammen auftauchen (...). Die flexible Stabilität unseres Körpers muss also nicht angestrengt kontrolliert werden, sondern stellt ein dynamisches Aufgespanntsein dar. Ebenfalls interessant: die Kommunikation findet in dem Raum zwischen den kleinsten abgetrennten Organisationseinheiten unseres Körpers, den Zellen, statt.

 

Wenn wir der Fähigkeit unseres Körpers, sich intelligent zu organisieren, nicht vertrauen, meinen wir, die stabilisierende Funktion der Faszien durch Anspannen der äusseren Muskulatur ersetzen zu müssen. Darauf beruht unsere Steifheit und Verspanntheit und die weit verbreiteten Rückenschmerzen. Stress, Anspannung und Bewegungsmangel lassen die Faszien verkleben und verhärten - woraufhin die Muskeln noch mehr ihrer Arbeit übernehmen, weil der Körper ausser Balance gerät: ein Teufelskreis des Verkrampfens (...).

Alles wird immer härter und kann dadurch immer noch weniger wahrnehmen."

 

aus: Heike Pourian, Wenn wir wieder wahrnehmen - wach und spürend den Krisen unserer Zeit begegnen. Waldkappel, 2021. Herausgegeben von Ideen³ e.V. www.ideenhochdrei.org und Sensing the Change.